Fogel, Fater, Finsternis – Ein Gedanke für einen systematischeren Gebrauch des Graphems <v> in der deutschen Sprache

Juni 10, 2008 at 7:49 | In Sprache | Leave a Comment
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Man schreibt Vogel und Vater mit „v“ spricht aber „f“, schreibt jedoch Fisch und Freund mit „f“. Vase oder Video werden wie Wasser oder Werbung gesprochen, aber nicht mit „w“ geschrieben.  Dies erscheint höchst verwirrend und ist Grund für so manche Rechtschreibfehler. Hier ein Gedanke für mehr Systematik.

Im Deutschen gilt allgemein die Graphem-Phonem-Korrespondenzregel, dass der stimmlose labiodentale Frikativ /f/ wie in „Fisch“ mit dem Graphem <f> repräsentiert wird (/f/ → <f>), d.h. dem Laut [f] ist der Buchstabe „f“ fest zugeordnet. Dem stimmhaften labiodentalen Frikativ /v/ wie in „Wasser“ entspricht das Graphem <w> (/v/ → <w>).

F oder V – Mal so, mal so

Das lateinische Alphabet fand seine Anwendung auf die deutsche Sprache zu Zeiten des Althochdeutschen, als das Deutsche erstmals verschriftlicht wurde. Hierbei kam es einerseits zu überschüssigen Graphemen des lateinischen Graphemsystems wie z.B. <v> und <f>, <k> und <c> für den selben Laut und andererseits zu ungedeckten deutschen Phonemen, die das Lateinische nicht besaß, z.B. /ʃ/ <sch> oder die Affrikaten wie /ts/ <z>.
Das Graphem /v/ wurde im Lateinischen ursprünglich auch zur Schreibung von /u/ verwendet wie z.B. in AVREA QVAE VINDICE NVLLO (heutige Schreibweise: aurea, quae vindice nullo).
Im Althochdeutschen wurde /f/ vorwiegend mit dem Graphem <f> repräsentiert. Hier schrieb man beispielsweise fihu (nhd. Vieh), filu (nhd. viel), fior (nhd. vier), firwizan (nhd. verweisen) und folch (nhd. Volk). Im Mittelhochdeutschen hingegen wurde die Verwendung des Graphems <v> für das Phonem /f/ bevorzugt, so dass man hier beispielsweise vrouwe (nhd. Frau), vriunt (nhd. Freund), vinden (nhd. finden), vuoz (nhd. Fuß), vilvraz (nhd. Vielfraß), vinsternis (nhd. Finsternis), valsch (nhd. falsch) und vride (nhd. Friede) schrieb. Zum Neuhochdeutschen hin wurden diese Schreibungen wieder „rückgängig“ gemacht, jedoch sind einige Schreibungen (z.B. Vogel oder Vater) erhalten geblieben, die ohne historisches Wissen nicht erklärbar sind.

Unregelmäßigkeiten häufig Grund für Schwierigkeiten

Gerade für Deutsch-Erlernende wie Kinder oder Ausländer stellen diese Schreibungen Unregelmäßigkeiten dar, sodass es hier häufig zu Schwierigkeiten und Fehlern kommt.
Dies sind in erster Linie die Wörter Vater, vier, viel, Vogel, Volk (und Kompositionen damit wie z.B. Völkerschlacht oder Völkerverständigung),Vlies, Vogt, voll (und Wortbildungen damit wie z.B. vollbringen), vor und Wörter mit dem Präfix vor- sowie Wörter mit Präfix ver-. Einige dieser Wörter haben im Wörterbuch den Zusatz [f-] oder [f...], der aussagt, dass hier das <v> als F-Laut gesprochen werden muss.
Im Wörterbuch findet man unter dem Buchstaben „V“ hauptsächlich Fremdwörter bzw. Entlehnungen aus anderen Sprachen, in denen das Graphem <v> das Phonem /v/ (wie in Wasser) repräsentiert, z.B. Vase, Vaseline, Vernissage, Vibrator, Video, Visage, Viper, Kurve.
Im Vergleich hierzu wurde beispielsweise im Polnischen der Buchstabe „V“, welcher traditionell hier nicht vorkommt, erst am Ende der 90er Jahre zur Schreibung von Fremdwörtern ins Alphabet aufgenommen.

Neue Systematik

Systematisch wäre es nun, die deutschen <v>-Schreibungen anzugleichen, sodass die GPK-Regel /f/ → <f> ausnahmslos gilt. Dann schriebe man beispielsweise Fogel statt Vogel (vgl. „fågel“ im Schwedischen), Fater statt Vater (vgl. „father“ im Englischen und „fader“ im Schwedischen), Flies statt Vlies (vgl. „Golden Fleece“ für „Das Goldene Vlies“ im Englischen), Fogt statt Vogt (vgl. „fogde“ im Schwedischen), fersprechen statt versprechen, fergeben statt vergeben, follkommen statt vollkommen und Folk statt Volk (vgl. „folk“ im Schwedischen, Dänischen und Norwegischen sowie im Englischen, z.B. in Folk-Rock). Das Graphem <v> würde nur noch für das Phonem /v/ in Fremdwörtern (wie oben genannt) verwendet werden. Für das Phonem /v/ im Deutschen gilt die GPK-Regel /v/ → <w> (wie z.B. in Wasser, Wind und wischen). Schreibungen wie „brav“, in denen <v> das Phonem /f/ repräsentiert, sind morphologisch bedingt in Angleichung an die häufigeren Wortformen im Paradigma wie „brave“, „braven“, „braves“ und damit korrekt und legitim und müssen nicht ausgeglichen werden.
Einerseits wäre eine solche Angleichung ein weiterer Schritt zu einer höheren Regelmäßigkeit und Systematik der deutschen Sprache und andererseits sind die vorgeschlagenen Schreibungen mit Bezug auf das Althochdeutsche „historischer“ als die <v>-Schreibungen.
Abschließend lässt sich sagen, dass die gering frequentierten Wörter wie Vogt und Vlies sich leicht angleichen ließen, die häufig frequentierten Wörter mit dem Präfix ver- jedoch eher nicht oder nur sehr langsam.

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